Widerstand

Berliner Polizisten im Widerstand

– freies Zitat aus der Rede des damaligen Polizeipräsidenten Dieter Glietsch anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 60. Todestag des ersten Kommandeurs der Berliner Schutzpolizei, Major Karl Heinrich, am 3. November 2005 –

Zivilcourage, Gerechtigkeitssinn und ein freiheitlich-demokratisches Bewusstsein

Wie in nahezu allen Bereichen von Staat und Gesellschaft der damaligen Zeit war auch in der Berliner Polizei der Widerstand gegen das Nazi-Regime, soweit wir davon erfahren haben, auf einige wenige Persönlichkeiten beschränkt. Leider wissen wir nicht von jedem, der sich in dieser Zeit dem Recht und seinem Gewissen mehr verpflichtet fühlte als den Gesetzen und Befehlen des Nazi-Regimes. Aber ebenso sicher ist, dass es insgesamt zu wenige waren, auch und gerade in der Polizei, die die Kraft und den Mut hatten, zu widerstehen. Um so höher ist die menschliche Leistung derjenigen einzuschätzen, die sich in vollem Bewusstsein der damit verbundenen Risiken ohne Rückendeckung, ohne Netz und doppelten Boden entschlossen haben, ihrem Gewissen zu folgen und damit sich selbst treu zu bleiben.

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Einige waren von Anbeginn aktive Gegner der Nazis, andere wandten sich von ihnen ab, als sie sich über die verbrecherischen Ziele und Mittel des Systems nicht mehr hinwegtäuschen konnten. Gegner von Anfang an war z. B. Bernhard Weiß, Polizeivizepräsident von 1927 bis 1932. Als Preuße, Jude und Patriot ging er rigoros gegen die Nazi-Schlägertrupps auf den Straßen Berlins vor und wurde zum Intimfeind von Joseph Goebbels. Nach dem „Papen-Streich” gegen die preußische Regierung 1932 wurde er abgesetzt und kurzzeitig verhaftet. 1933 floh er vor den Häschern der Nazis nach London. Theodor Haubach, Pressereferent des Berliner Polizeipräsidenten von 1930 bis 1932, schloss sich trotz mehrfacher Inhaftierungen dem Widerstand im „Kreisauer Kreis” an und wurde 1945 in Plötzensee hingerichtet. Als mutiger Mann der Tat erwies sich der Reviervorsteher Wilhelm Krützfeld, der am 9. November 1938 die Synagoge in der Oranienburger Straße unter Berufung auf die preußische Denkmalschutzordnung vor der Zerstörung durch die braunen Brandstifter bewahrte. Die beiden Wilmersdorfer Polizisten Mattick und Hoffmann unterstützten aktiv die Schwedische Viktoriagemeinde, die viele deutsche Juden vor den Nazis versteckte, ihnen eine Ausreise ins Ausland ermöglichte und damit das Leben rettete. Der Polizeivizepräsident Graf von der Schulenburg wurde während des Krieges zum Nazi-Gegner, schloss sich den Widerstandskämpfern des 20. Juli an und wurde 1944 in Plötzensee hingerichtet.

In dieser Reihe nimmt Major Karl Heinrich als Opfer zweier Diktaturen eine Sonderstellung ein. Karl Heinrich (* 25. September 1890 in Berlin; † 3. November 1945 in Berlin-Alt-Hohenschönhausen) war ein sozialdemokratischer Aktivist, Polizeioffizier und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

1890 in Berlin geboren, arbeitete Heinrich seit 1929 als Major der Berliner Schutzpolizei. Ab 1932 aus politischen Gründen beurlaubt wurde er 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Dienst entlassen. Ihm gelang es 1933/34 gemeinsam mit Theodor Haubach in Berlin eine über 1.000 Mitglieder zählende illegale sozialdemokratische Organisation, welche im Wesentlichen aus Mitgliedern des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bestand, zu formen. Nach der Verhaftung Haubachs im November 1934 übernahm Heinrich die Leitung der Organisation. Doch auch er wurde kurz darauf verhaftet und 1937 unter dem Vorwurf des Hochverrats in einem Schauprozess zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt und anschließend in ein Konzentrationslager verschleppt, aus welchem er im September 1942 schwer gesundheitlich angeschlagen entlassen wurde.

Im Juni 1945 nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde Heinrich von den sowjetischen Behörden zunächst zum Berliner Polizeipräsidenten ernannt. Da er jedoch die Führungsrolle der Kommunisten ablehnte, wurde er im August 1945 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und in das Speziallager Hohenschönhausen verschleppt. Offiziell wurde ihm unterstellt, während des NS-Strafvollzugs andere politische Mithäftlingen denunziert und geschlagen zu haben.

Die Untersuchungen des NKWD gegen ihn wurden Ende September 1945 abgeschlossen. In der Anklageschrift wurde er “konterrevolutionärer” Verbrechen beschuldigt. Da Heinrich inzwischen jedoch schwer erkrankt war, kam es zu keiner Verhandlung vor dem Militärtribunal der Garnison Berlin. Im Oktober 1945 wurde er in das Haftkrankenhaus des Lagers Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert, wo er am 3. November 1945 an der „Paralyse lebenswichtiger Organe” starb. Sein Leichnam wurde in der Nähe des Lagers auf einem Schuttablageplatz verscharrt.

Der erste Kommandeur der Berliner Schutzpolizei hat also in Zeiten, in denen Zivilcourage die Inkaufnahme existenzieller Gefährdungen bedeutete, immer sein Gewissen zur Leitinstanz seines Handelns gemacht.

An Karl Heinrich erinnern eine Gedenktafel und die Karl-Heinrich-Brücke im Berliner Stadtteil Spandau.


– Weblinks –

– Literaturhinweise –

  • Heimann, Siegfried: “Karl Heinrich und die Berliner SPD, die sowjetische Militäradministration und die SED”, Friedrich-Ebert-Stiftung 2007.
  • Erler, Peter: “Polizeimajor Karl Heinrich – NS-Gegner und Antikommunist. Eine biographische Skizze”, Berlin 2007.